Jenny schreibt aus Indien

Das Datum in der Kamera ist nicht richtig eingestellt,aber wen stört das schon...
Jenny Peterle schreibt aus Behror, Indien.

Im Oktober haben wir sie in Norwegen kennengelernt, wo sie sich 6 Monate lang auf ihren Einsatz in Indien vorberei-tet hat.

Aus ihrer email:


Viele Grüße aus diesem erstaunlichen Land, das die Leute hier Hindustan nennen. Mehr als zwei Monate bin ich nun schon hier, aber es fühlt sich an, als wäre es erst eine Woche.

Behror ist eine so genannte "kleinere" Stadt ungefähr 100 km von New Delhi entfernt und hat ungefähr 20.000 Einwohner. Auf der Hauptstrasse gibt es alles von Kamelen, Hunden, Affen und Eseln bis zu 10tonner Lkws, Lebensmittelgeschäften, Obst- und Gemüseständen, Schuhputzer und Ohrenreiniger... und... und eine Menge Schmutz, Staub und Abfall.

Die meisten Menschen hier sind sehr freundlich, nur schauen sie uns an, als ob wir direkt von einem anderen Stern gekommen wären, besonders mich als Frau, mit meiner weissen Haut, meiner westlichen Kleidung und kurzen Haaren. Jeden Tag passiert es mir, dass jemand zu mir kommt um nur mal meine Haare, meien Jacke oder meinen Schmuck anzufassen, und dann schauen sie dich an mit dem größten Fragezeichen, das du jemals in den Augen eines Menschen gesehen hast, und ich kann nicht antworten, weil mein Hindi noch nicht gut genug ist. Nur die wichtigsten Sätze und Redewendungen hab ich bisher gelernt, um mich in meinem Projekt mit den Kindern verständigen zu können.

Fast niemand hier spricht mehr als drei Wörter Englisch, was nicht zu verwundern ist, wenn man sich die Statistiken vor Augen führt: von den 1,2 Milliarden Indern sprechen nur 3% Englisch. Deshalb möchte ich die Gelegenheit nutzen und allen, die vorhaben, nach Indien zu fahren, raten: LERNT SO VIEL HINDI WIE IHR KÖNNT!

Mein Projekt liegt in einem der fünf Slumviertel in Behror und heisst AWC - Academy for Working Children. Es ist eine Schule, die genau an die Bedürfnisse der armen Kinder angepasst ist, die tagsüber arbeiten müssen, um ihre Familien zu unterstützen. Die meisten dieser Kinder sind zwischen 5 und 10 Jahre alt und sie leben entweder im Slum oder im Industriegebiet, das wirklich eines der ungemütlichsten Orte ist, die ich je gesehen habe.
Die Schule bietet Grundbildung für alle - kostenfrei, vier Stunden pro Tag. Die derzeit 58 Schüler sind in drei Klassen eingeteilt. Die Kinder lernen lesen und schreiben auf Hindi, zählen, die Grundrechen-arten und ein bisschen Englisch. Ich unterrichte Engl. und Rechnen, d.h. ich bringe ihnen das englische Alphabet und die Zahlen bei, ein-fache Wörter und Sätze, auch ein paar Lieder und Gedichte. Die Rechenstunden sind auf Hindi, mein Hindi reicht so gerade dafür.

Die Kinder haben einen sehr unterschiedlichen Wissensstand, abhängig von der Häufigkeit ihrer Schulbesuche. Einige kommen jeden Tag und andere nur ab und zu - weil sie arbeiten müssen oder einfach weil die Eltern sie nicht zur Schule schicken. Aber sie sind alle ungeheuer lieb, und es wundert mich jeden Tag, wie glücklich sie sind und wie oft sie lachen und lächeln, obwohl sie ein ziemlich hartes Leben führen und in extremer Armut leben.

Jeden Tag gehen wir durch das benachbarte Slum, um die Eltern zu motivieren, ihre Kinder zur Schule zu schicken... es ist eine Arbeit, die viel Geduld erfordert, denn an einem Tag lachen sie und sind damit einverstanden, ihre Kinder zur Schule zu schicken, und am nächsten Tag vergessen sie es, oder sie haben ihre Meinung geändert. Trotzdem mag ich die Leute im Slum sehr, denn sie sind geradeheraus und offen für neue Ideen. Deshalb können sie mit mir darüber lachen, dass ich Schwierigkeiten habe, mich der indischen Kultur anzupassen. Sie geniessen es wirklich, Geschichten und Lieder zu hören aus dem weit entfernten Europa, und jeden Tag, wenn ich das Slum betrete, kann ich aus allen Ecken ihre Stimmen hören... "good morning madam"... "jenny, jenny, how are you"...

Viele Grüße an alle und ich hoffe, es geht gut in Europa!
Jenny