Von der vergessenen Seite der Erde

Sehr geehrter Leser,

mein Name ist Svenja Ramm und ich habe gerade an dem Auslandsfreiwilligenprogramm von Humana people to people teilgenommen. In dem folgenden Artikel werde ich Ihnen einige Eindrücke vermitteln über Erfahrungen, die ich in dem fanszinierenden Land Mosambik gesammelt habe, in dessen Kultur ich eintauchen durfte.



Ich habe nicht nur die Armut des Landes gesehen, sondern vor allem den Reichtum, der sich in Liebe, Gedult, Gastfreundschaft, Offenheit und Humor ausdrückt. Niemand besitzt wirklich viel, aber jeder gibt gern das bisschen was er hat an jemanden, der es gerade nötiger braucht. Besonders wenn man sich allein fühlt ist man doch nie wirklich allein.

Häufig habe ich gespürt, wie viele der Erwachsenen zunächst skeptisch mir gegenüber waren, aber nach kürzester Zeit die Scheu verloren und mich alles fragten, was sie wissen wollten. Zuerst wurde ich immer auf Englisch angesprochen, weil man dachte ich sei Touristin aus Südafrika, der man ein wenig Bares abknöpfen könnte. Doch wenn sich herausstellte, dass ich da war, um Entwicklungsdienst zu leisten und bei ADPP arbeitete, was sehr geachtet ist, hatte ich schon gewonnen.


Das Projekt, in welchem ich gearbeitet habe, ist eine Lehrerausbildungsstätte (Escola de Professores do Futuro), die Grundschullehrer für die ländlichen Gebiete Mosambiks ausbildet. Sie ist eine Privatschule, in der die Studenten in einem Internat zusammen leben.
Zweieinhalb Tage in der Woche unterrichten die Studenten an Grundschulen; die restlichen drei Tage haben sie selbst Unterricht, Hausaufgaben, Studierstunden und Arbeitsgemeinschaften. Durch den Einfluss von Humana wird die Ausbildung der Studenten insbesondere auf Bereiche wie Umweltschutz, Hygiene und Gesundheit, Landwirtschaft oder so genannte Income Generating Activities ausgeweitet. Dadurch werden die Studenten animiert zum Beispiel Blut zu spenden, Gärten anzulegen und Hühner aufzuziehen, was dieser Art in den Schulen außerhalb von Humana nicht zu finden ist.

Mit dem Ziel, dass die Studenten später nicht nur unterrichten, sondern außerdem Projekte in der Umgebung der Schulen anleiten, um die Nachbarschaft zu entwickeln, iniziieren sie auch jetzt schon das Anlegen von Gemüsegärten in den Grundschulen. Bereits jeder fünfte Lehrer in Mosambik wird in einer der Ausbildungsstätten von Humana ausgebildet und 80 Prozent von ihnen arbeiten auf dem Land.
In besagter Schule war ich hauptsächlich im Bereich der Landwirtschaft tätig, der dringend einer Neustrukturierung bedurfte. Nur um die Problematik kurz zu veranschaulichen: Bitte stellen Sie sich vor, Sie seien am Strand. Der Sand, den Sie dort finden, gelblich-weiß, weich und lose, entspricht exakt dem Nährboden, in dem der Gemüsegarten der Schule angelegt ist. So wird schon recht deutlich, dass das schwerwiegenste Problem in der Bodenfruchtbarkeit liegt, die durch unterschiedliche Dünger, Kompost oder Arten der Gründungung wie Rotation und Mischkulturen angehoben werden muss, damit die Nachhaltigkeit in der Produktion bestehen bleibt.

Dementsprechend haben eine andere Freiwillige, eine Holländerin, und ich gemeinsam daran gearbeitet, ein Kompost-System aufzubauen. Diese Idee in die Tat umzusetzen war dann allerdings schwieriger als ursprünglich erwartet; zum Beispiel aus dem Grund, dass der Sinn hinter Mülltrennung nicht klar ist. Wenn man hierzulande den Müll in Glas, Plastik, Papier und Bio sortiert, so hebt man in Mosambik eine Grube aus, in der der ganze Abfall landet, ohne jegliche Trennung. Je nach Gebiet wird dieser Haufen dann entweder vergraben oder angezündet, was im Endeffekt sogar die sauberste Lösung darstellt. Diese Handhabung hatte dann allerdings für das Projekt „Kompost“ zurfolge, dass entweder gar keine Reste in der Kompostgrube landeten oder alles mögliche gemixt hinein geworfen wurde, wie in jede andere Grube auch. Es hat insgesamt etwa neun Monate gedauert, um den Lehrern und Studenten gleichermaßen die Vorgehensweise und das Ziel in der Produktion eines Kompost nahezubringen. Zweimal die Woche hatten wir Landwirtschaftsunterricht, je neunzig Minuten, während dessen ich mir jedes mal eine kleine Gruppe von Studenten sammelte, um mit ihnen Reste für den Kompost zu suchen und auch um immer wieder einzeln zu erklären, wie so ein Kompost funktionieren soll. Als ich nach einem halben Jahr das Land verlassen habe, lagen hinten im Garten insgesamt sechs Löcher, gefüllt mit Bioabfall und Grasschnitt und abgedeckt mit einer Plastikfolie, aus dem in wenigen Monaten brauchbarer Bio-Dünger geworden sein sollte.

Eine weitere große Aufgabe, die ich von der Holländerin übernommen habe, war, ein Bewässerungssystem zu bauen. Dieses war, wenigstens vom Aufbau und den Materialien her betrachtet, alles andere als schwierig aufzustelllen. Nichtsdestotrotz hat es, genau wie der Kompost, etwa neun Monate gedauert, bis das kleine, einfache Bewässerungssystem endlich fertig war. Die vielen scheinbar unbedeutsamen Hindernisse waren es, die diese Aufgabe so erschwert haben. Problem Nummer eins war, wie so häufig, das Budget der Schule, welches unnötige Ausgaben nicht zulässt. Von daher habe ich zu guter Letzt, nachdem ich wochenlang auf das Geld für fehlende Materialien gewartet hatte, diese von dem Geld gekauft, was ich zuvor in Dänemark auf der Straße gesammelt hatte. Problem Nummer zwei war der Transport zum Baumarkt und wieder zurück. Denn obwohl die Schule ein Auto und auch einen Fahrer hat, konnte ich diesen nicht dazu bewegen, mich zu Baumarkt zu bringen. Aus diesem Grund fragte ich die Arbeiter auf der Baustelle nebenan, ob sie mich nicht fahren könnten, was sie zu meinem Glück auch gern taten. Als drittes Problem stellte sich die Verarbeitung der Materialien heraus, weil wir in der Schule nicht die richtigen Werkzeuge hatten. Daher habe ich die Materialien im Nachbarprojekt (ein Kinderhilfsprojekt von ADPP) verarbeitet. Damit ging leider auch einher, dass ich die Studenten nicht in den Bau des Systems einbinden konnte, weil das Nachbarprojekt schloss noch bevor die Studenten aus dem Unterricht kamen. Hiernach habe ich den für die Landwirtschaft verantwortlichen Lehrer beseite genommen, um mit ihm zu zweit die Teile zusammenzusetzen und somit letzten Endes doch noch ein wasser- und zeitsparendes System in einigen Beetreihen aufzustellen. Die Schwierigkeiten, die sich dabei aufgetan haben, enstammten hauptsächlich den unterschiedlichen Herangehensweisen an Langzeitplanung, so war meinen Kollegen die Motivation für ein solches Bewässerungssystem fremd: Was mir völlig logisch erschien, war, heute Geld und Zeit in das Aufstellen eines solchen Systems zu investieren, um dadurch in Zukunft Geld, Zeit und Wasser zu sparen. Meine Kollegen und auch die Studenten konnten sich nur schwer vorstellen, wie das funktionieren sollte. Wir haben nun einen kleinen Teil des Gartens derart strukturiert, damit man anhand dieses Beispiels den Zweck deutlich erkennen kann.

Dieses sind zwei Beispiele der Arbeit, die ich in dem Projekt geleistet habe. (Mehr dazu auf Anfrage). Da jeder Job, den ich in dem halben Jahr innehatte, sinnhaft und zielorientiert war, schließe ich, dass meine Arbeit und Energie einen Beitrag zu der Veränderung liefern, die durch diese Schule im Land erreicht wird.


Nach Mosambik zu gehen war eine der besten Entscheidungen, die ich jemals getroffen habe.
Ich habe mich in dieses Land verliebt und wäre am liebsten nicht wieder fort gegangen.
Ich habe vieles gesehen, was mich überrascht und fansziniert, aber auch was mich schockiert und bedrückt hat. Im Herzen sind die Mosambikaner reicher als jedes Volk, das ich bisher gesehen habe, wirtschaftlich jedoch ist Mosambik eines der ärmsten Länder dieser Erde und so vergessen, dass kaum jemand weiß, wo das Land überhaupt liegt. Die Tourismusbranche entdeckt die Vorzüge Mosambiks allmählich für sich und Luxushotels schießen wie Pilze aus dem Boden. Krabben, die an der Küste Mosambiks gefischt wurden, kann man vielerorts kaufen. Und auch in Berlin können Sie mit einem scharfen Auge gewiss mehr „Mosambik“ entdecken, als Sie erwartet hätten. An der Entwicklung des Landes bisher, in den nur 35 Jahren Unabhängigkeit, lässt sich der Nationalstolz, die Stärke und die Visionen, die das Volk einen und nach vorn treiben, ablesen. „A Luta continua!“ („The struggle continues!“) ist eines der berühmtesten Zitate des ersten Presidenten Samora Machels, welches die Menschen noch immer motiviert, höhere Ziele für sich und ihr Land anzustreben.
Meiner Ansicht nach ist Mosambik ein aufsteigender Stern des afrikanischen Kontinents.
1975 konnten nur zwei Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben, heute sind es bereits mehr als die Hälfte. Wie viele werden es im Jahr 2045 sein?

Wenn dieses Volk in den nächsten Jahren noch dieselbe Stärke beweist, so sollte es bald die Schwierigkeiten im Land überwunden und die Vergangenheit hinter sich gelassen haben.

„Moçambique – A terra de boa gente” (“Mosambik – Das Land der guten Menschen”), so sagte schon Vasco da Gama, verdient unseren Respekt, aber auch unsere Unterstützung, für alles, was es bisher erreicht hat und für alles, was es in Zukunft noch erreichen wird.

An dieser Stelle möchte ich mich bedanken,

bei Humana für unsere Zusammenarbeit,
bei den Mosambikanern für alles, was ich in ihrem Land erfahren durfte,
bei den anderen Freiwilligen dafür, dass sie meine Freunde sind,
bei meiner Familie und meinen Freunden für ihre Unterstützung
und bei Ihnen, geehrter Leser, für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Zeit.

Vielen Dank und freundliche Grüße,
Svenja Ramm