6 Monate in Nacala, Mosambik

November 2005. Steffen Ludwig berichtet über seine Arbeit und seine Erfahrungen in der Berufsschule in Nacala-Porto im Norden Mosambiks, beginnend mit einer Einführung in die größeren Zusammenhänge.

Afrika - ein Kontinent braucht unsere Hilfe!

"How Africa developed America and Europe" - "Wie Afrika half, Amerika und Europa zu entwickeln" So lautet der Titel der letzten Ausgabe eines afrikanahen Magazins. Und in der Tat - ohne die Zwangsarbeit von Sklaven und der Verfügbarkeit (und reichlicher Nutzung!) afrikanischer Rohstoffe wäre vor allem die industrielle und dadurch u.a. herbei geführte wirtschaftliche Entwicklung in Europa und Amerika nicht so schnell vorangeschritten, wie es - eben auch durch afrikanischen Einsatz - letztendlich der Fall gewesen ist.

In der heutigen Zeit, nachdem die Länder Afrikas ihre Unabhängigkeit gegenüber den Kolonialmächten durchsetzten und die Kolonialzeit folglich zu Ende ging, bleiben nicht wenige Länder zurück, die zum Einen ihrer Rohstoffe beraubt sind und zum Anderen mit mitunter durch die Ausbeutung der Kolonialmächte herbeigeführter Armut und daraus entstehenden neuen Problemen hinsichtlich Ernährung, Hygiene, HIV/AIDS - bekämpfung etc. konfrontiert sind. Dies betrifft insbesondere die schwarzafrikanischen Länder, südlich der Wüste Sahara.

Zur Verdeutlichung hier nur einige konkrete Beispiele:

  • Von den weltweit etwa 40 Millionen Menschen, die mit HIV/AIDS leben, leben 60%, also 26 Millionen Menschen im südlichen Afrika;
  • Das Durchschnittseinkommen in Mosambik, um nur ein Beispiel zu nennen, beträgt in etwa 60 Euro pro Monat, doch haben viele Menschen (im Falle Mosambiks 80%) nicht einmal dieses Geld zur Verfügung, sondern leben mit weniger als einem Euro pro Tag unter der Armutsgrenze.
  • Jährlich sterben Tausende von Menschen, allen voran viele Kinder infolge tropischer Krankheiten wie Malaria etc., da das Geld für die notwendige und vor allem für Kinder lebensrettende Medizin schlichtweg fehlt

    Angesichts dieser alarmierenden Umstände und den mangelnden Kapazitäten, diese aus eigener Kraft zu ändern, sind insbesondere die Länder Schwarzafrikas nach wie vor auf unsere Hilfe angewiesen. (Mosambik beispielsweise benötigt zu 70% ausländische Hilfeleistung!)

    "Das Geld kommt doch gar nicht an!" oder "Es sind schon so viele Millionen an Geldern in Entwicklungshilfe geflossen und haben nicht geholfen..." Solche und ähnliche Aussagen bekommt man häufig zu hören, spricht man das Thema Entwicklungshilfe an.

    Klar ist, nur Geld alleine hilft nicht, kann doch noch so viel Geld eine Änderung der komplexen Armutssituation nicht von heute auf morgen ändern! Der Ruf nach nachhaltiger Entwicklung oder "Hilfe zur Selbsthilfe" wird laut. Zudem muss man gerade auch die sozial - kulturellen Aspekte der einzelnen Länder mit in Betracht ziehen. Und - neben finanzieller Unterstützung ist gerade auch konkrete Hilfe und Kontrolle über die zweckgemässe Verwendung der Gelder unerlässlich!

    Mosambik - eines der ärmsten Länder der Welt

    Nach der Unabhängigkeit von Portugal im Jahre 1975 stand Mosambik, fast zweimal so gross wie Deutschland, mit 19.5 Mio. Einwohnern aber nur knapp einem Viertel der Bevölkerung Deutschlands, Sozialismus und ein langjähriger Bürgerkrieg erst noch bevor. Als dieser durch Friedensbemühungen und -verhandlungen der UN beendet war, war der Weg frei für eine neue Verfassung (1990) und mit dieser die Einführung von Demokratie und freier Marktwirtschaft im Lande.
    Im Dezember letzten Jahres (2004) wurde der langjährige President Joaquim Chissano von seinem Nachfolger, dem jetzigen Presidenten, Armando GUEBUZA, abgelöst.

    Es wäre vorweg genommen und unvorsichtig, zu sagen, Mosambik befände sich im Aufschwung, und doch ist eine, wenn auch langsame, vor allem wirtschaftliche Erholung des Landes durchaus spürbar.

    Mit seinen knapp 2 500 km Küstenlänge und vielfältiger Natur wird das Land vor allem in der Tourismusbranche für ausländische Investoren immer attraktiver.

    Hinter der Fassade werbender Strandurlaubsbilder verbirgt sich aber leider eben auch die Realität einer HIV/AIDS - Rate von etwa 12.5 %, grosser Armut insbesondere in den ländlichen Gebieten, tropischer Krankheiten, für deren Behandlungen den meisten Menschen das Geld fehlt sowie die trotz intensiver Räumarbeiten der UN und NGO´s leider stets vereinzelt immer noch vorhandenen gefährlichen Landminen. Und dies sind nur einige Probleme, mit denen sich Mosambik nach wie vor auseinandersetzen muss.

    ADPP Mosambik

    Die seit 1983 im Lande arbeitende Organisation betreibt folgende Arten von Projekten:
    "Formigas do Futuro" - "Ameisen der Zukunft", Schulen für Strassenkinder
    "Escola de Artes e Oficios"- Berufsschulen;
    "Escola de Professores do Futuro" - "Schule für die Lehrer von Morgen", Lehrerausbildungsstätten;
    "Vestuarios" - der Verkauf von gebrauchter Kleidung
    sowie TCE (Total Control of the Epidemic) und HOPE, beides Programme zur Bekämpfung von HIV/AIDS.

    Mein Projekt, "Escola de Artes e Oficios":
    die Berufsschule in Nacala-Porto im Norden Mosambiks


    1994 von ADPP Mosambik gegründet und damals mit einem einjährigen Kurs beginnend, bietet die Schule nun neben Landwirtschaft auch die Fachrichtungen im Bereich Hotel und Tourismus, Buchhaltung und Finanzwesen und im Baubereich an. Zudem erhalten die etwa 120 Internatsschüler, kommend aus ganz Mosambik, Unterricht in zahlreichen allgemeinbildenden Fächern wie z.B. Englisch, Mathe, Erdkunde usw.

    Nach Beendigung der Schule nach 3 Jahren haben die Schüler aufgrund der erworbenen Qualifikationen und Praktikas in den Betrieben während der Ausbildung gute Chancen auf eine Anstellung - ein vielversprechender Weg aus der Armut!

    Meine Arbeit und Erfahrungen

    Im Rahmen des in Zusammenarbeit von den "Reisenden Hochschulen" (www.drh-movement.org) und "Humana People To People" (www.humana.org) angebotenen 14-monatigen Freiwilligendienste in Entwicklungshilfe arbeitete ich 6 Monate in der oben erwähnten Schule. Davor dienten 6 Monate in Dänemark der Vorbereitung und 2 Monate danach in Südafrika und Berlin der Nachbereitung, Erfahrungsaustausch etc.

    Meine Arbeit hatte ihren Schwerpunkt im Unterrichten der ca. 80 Studenten des kompletten 2. Schuljahres in der englischen Sprache, der Neuorganisation und -eröffnung der Schulbibliothek sowie Aufklärung über HIV und AIDS und tropische Krankheiten wie Malaria.

    Die Grundkenntnisse der englischen Sprache vermittlen - mit Englisch als der zweiten Fremdsprache (nach Portugiesisch) war es für die Schüler nicht immer leicht, dem Unterrichtsstoff zu folgen, was sich dann auch in den Examen zeigte. Für mich war es wiederum vor allem am Anfang eine Herausforderung, vor einer Klasse von 30 Schülern zu stehen. Die Schüler haben am Ende, dank intensiver Wiederholungen, aus dem Unterricht etwas mitnehmen können und mir fiel das Unterrichten dank schnellem Lernen des Portugiesischen als auch eines "guten Drahtes" zu den Studenten von Tag zu Tag leichter.

    Für die zweimal wöchentlich stattfindenden Englischklubs, von denen zu einem dann mit Hinblick auf die HIV/AIDS-kampagne diese Thematik hinzukam, war aufgrund des langen Tages sowohl bei den Studenten als manches Mal auch bei uns nicht die grösste Motivation vorhanden. An der Kampagne gegen HIV/AIDS waren die Studenten dann jedoch auf verschiedene Art und Weise eifrig beteiligt.

    Zudem haben mein tschechischer Kollege, unser Projektleiter und ich mit der finanziellen Unterstützung unserer Freunde und Bekannten eine schuleigene Unterkunft für Rucksack-und Individualreisende, den "Backpackers´Muzuane" und einen neuen Stall für die Ziegen der Schulfarm M´paco, einrichten rsp. bauen können. Der Gewinn dieser sogenannten "Income Generating Project" kommt direkt der Schule zu Gute und hilft dieser, auf diese Weise finanziell unabhängiger von der Organisation ADPP zu werden.

    Zu meinen weiteren, praktischen Arbeiten in der Schule gehört die Renovierung der Basketballanlage und die Beteiligung an der Organisation von Veranstaltungen für und mit den benachbarten Projekten und den Bewohnern des umliegenden bairros (Dorf) Muzuane.

    Zurück in Europa - ein Rückblick

    Seit einigen Wochen erst zurück in Deutschland, vermisse ich "mein" Mosambik, die Menschen dort und auch die portugiesische Sprache sehr. Zum Teil trotz, zum Teil aber auch gerade wegen sozial - kultureller Unterschied, Portugiesisch als Fremdsprache, teilweise häufiger vorkommender Kriminalität, Malaria und nicht zuletzt der Hitze ist mir Mosambik mit seiner vielfältigen und wunderschönen Natur, den warmherzigen Menschen und eben auch viel Hilfebedürftigkeit während meiner Arbeit dort sehr ans Herz gewachsen.

    Für eine bestimmte Zeit ins Ausland, und dazu noch helfen - besonders Schulabgängern kann ich diesen Freiwilligendienst nur wärmstens empfehlen!

    Und - zurück zur Einleitung und dem dort beschriebenen Hintergrund afrikanischer "Hilfe" während der Kolonialzeit - wünsche ich mir, im Gegenzug, die vollste Unterstützung Afrikas durch Amerika und Europa.